Was ist die Perzentilanalyse
Die Perzentilanalyse ist eine In-situ-Messung — eine Messung direkt im Gehörgang, während Sie das Hörsystem tragen. Sie ist in der EUHA-Leitlinie 04-01 der Europäischen Union der Hörakustiker standardisiert.
Klassische Hörgeräte-Messungen arbeiten mit konstanten Testtönen. Die Perzentilanalyse arbeitet stattdessen mit echtem Sprachmaterial — dem genormten ISTS-Signal (International Speech Test Signal), das die typischen Eigenschaften menschlicher Sprache abbildet (entwickelt am Hörzentrum Oldenburg, heute Teil der Norm IEC 60118-15; Holube et al. 2010).
So zeigt sich nicht, was das Hörsystem theoretisch leistet — sondern was bei realer Sprache tatsächlich an Ihrem Trommelfell ankommt.
Ihr Nutzen — was Sie konkret davon haben
Bei einer Hörsystem-Anpassung verlässt man sich klassisch auf zwei Dinge: das Audiogramm und Ihre Rückmeldung („lauter“, „leiser“, „klingt blechern“). Die Perzentilanalyse ergänzt das um eine objektive, am Trommelfell gemessene Wahrheit — und das hat ganz konkrete Auswirkungen für Sie:
- Sie verstehen Sprache besser — messbar, nicht nur gefühlt. Wenn die leisen Sprachanteile (Konsonanten wie „s“, „f“, „t“, Endungen) unterhalb Ihrer Hörschwelle bleiben, „fehlt“ Sprache — obwohl Sie „alles laut genug“ hören. Die Perzentilanalyse macht genau diese Lücke sichtbar und schliesst sie.
- Sie sparen sich Termine im Trial-and-Error-Modus. Statt „kommen Sie in zwei Wochen wieder, dann probieren wir was anderes“ zeigt der Bildschirm im selben Termin, was nicht stimmt — und es lässt sich sofort gezielt korrigieren.
- Sie verschleissen sich nicht durch zu laute Spitzen. Ohne Messung weiss niemand sicher, ob laute Vokale oder plötzliche Geräusche über Ihre Unbehaglichkeits- grenze gehen. Über Monate gewöhnt sich das Gehör an Anstrengung — die Messung verhindert genau das.
- Sie hören in jedem Umfeld stabil. Klassische Anpassungen funktionieren oft in einem ruhigen Büro — aber nicht im Restaurant. Die Perzentilanalyse misst auch das laute Umfeld (80 dB) und das leise Gespräch (50 dB), damit Ihre Versorgung über alle Lautstärken sauber arbeitet.
- Auch für Hörsysteme von einem anderen Akustiker. Bringen Sie Ihre bestehenden Geräte mit — Sie erhalten eine objektive Aussage, ob die Anpassung zu Ihrem Hörverlust passt. Wo nötig, wird die Programmierung noch besser auf Ihre persönlichen Bedürfnisse abgestimmt — unabhängig davon, wo das Gerät ursprünglich gekauft wurde.
- Sie haben einen nachvollziehbaren Verlauf. Jede Messung wird dokumentiert. Verändert sich Ihr Gehör, ist das früh erkennbar — und die Anpassung lässt sich sauber nachziehen.
Wie eine Perzentilanalyse abläuft
- Sondenmikrofon im Gehörgang. Ein sehr feiner, weicher Mikrofon-Schlauch wird neben dem Hörsystem im Gehörgang positioniert. Das ist schmerzfrei und dauert nur Sekunden.
- Referenzmessung Ihres Gehörgangs. Zuerst wird die individuelle Akustik Ihres Gehörgangs erfasst — jeder Gehörgang ist anders lang und geformt und färbt den Klang ein.
- Messung mit Sprachsignal. Das ISTS-Signal wird in unterschiedlichen Lautstärken abgespielt — typisch bei 50, 65 und 80 dB (leise, normale, laute Sprache). Ihr Hörsystem arbeitet dabei mit allen Funktionen — also nicht in einem künstlichen Testmodus.
- Auswertung. Am Bildschirm wird sichtbar, welche Pegel und Frequenzen tatsächlich am Trommelfell ankommen — die Programmierung Ihrer Hörsysteme lässt sich gezielt korrigieren, falls Werte ausserhalb des Zielbereichs liegen.
Die Messung ist rein objektiv — Sie müssen währenddessen nichts beurteilen oder Knöpfe drücken. Eine Messreihe dauert insgesamt rund 15 Minuten.
Was die Messung zeigt — kurz erklärt
„Perzentil" bedeutet schlicht: ein Punkt in einer Pegelverteilung. Beim 30. Perzentil liegen 30 % aller Pegelwerte des Sprachsignals unterhalb, beim 99. Perzentil 99 %. Anschaulich:
- 30. Perzentil — die leisen Sprachanteile (Konsonanten, Endungen). Diese sind wichtig fürs Verstehen. Sie sollten nach EUHA-Leitlinie oberhalb Ihrer Ruhehörschwelle liegen — also für Sie hörbar sein.
- 65. Perzentil — der mittlere Sprachpegel (LTASS). Dieser sollte der Zielkurve entsprechen, die zu Ihrem Hörverlust passt.
- 99. Perzentil — die lauten Sprachanteile (Vokal-Spitzen). Diese dürfen Ihre Unbehaglichkeitsgrenze nicht überschreiten — sonst wird Hören anstrengend.
Liegen alle drei Werte im Zielbereich, ist die Anpassung objektiv korrekt. Liegen sie ausserhalb, justieren wir nach — gezielt und nachvollziehbar, nicht nach Gefühl.
Typische Situationen, in denen die Perzentilanalyse hilft
- „Im Restaurant verstehe ich kaum etwas.“ Die Messung zeigt, ob laute Sprache (80 dB) sauber komprimiert wird und ob Konsonanten oben raus ausreichend angehoben sind — die Hauptgründe, warum Restaurant-Situationen scheitern.
- „Mein Hörgerät klingt blechern oder zu hart.“ Oft sind die Vokal-Spitzen oder Mittenfrequenzen überverstärkt. Die Messung zeigt es — die Pegel lassen sich gezielt zurücknehmen, ohne dass Ihr Sprachverstehen darunter leidet.
- „Ich habe das Gefühl, leise Töne fehlen mir.“ Das 30. Perzentil zeigt die leisen Sprachanteile. Liegen sie unter Ihrer Hörschwelle, bringt auch „laut genug“ kein vollständiges Verstehen.
- Erstversorgung ohne Hörerfahrung. Sie wissen noch nicht, wie „richtig“ klingt — also können Sie auch nicht sagen, ob die Anpassung stimmt. Die Messung macht es objektiv.
- Hörsysteme, die nicht im Hörladen gekauft wurden. Die objektive Prüfung zeigt, ob die Anpassung zu Ihrem aktuellen Hörverlust passt — und die Programmierung lässt sich gezielt nachschärfen, damit Ihre Geräte für Sie noch besser arbeiten.
- Besondere Versorgungen. Offene Anpassung, sehr starker Hörverlust, Schalleitungs- oder Mischschwerhörigkeit. Hier ist die objektive Kontrolle besonders wertvoll — oft auch für Kostenvoranschläge an die IV oder Krankenkasse.
Termin für eine Perzentilanalyse
Bitte bringen Sie Ihre Hörsysteme und — wenn vorhanden — Ihr letztes Audiogramm mit. Planen Sie für die eigentliche Messung und das Gespräch dazu rund 45 Minuten ein.